Anselm, die Ratte und der junge Herr

In manchem Palast oder Herrenhaus gab es früher zwischen den Wänden Gänge und Treppen, die es der Dienerschaft erlaubten, ihrer Herrschaft ungesehen zu folgen, um sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort bedienen zu können. Ihre Existenz hinter Wänden und Tapetentüren ersparte den Herrschaften den unnötigen Anblick gesellschaftlicher Inexistenz.

Konzeption und Layout: Luca Mast

 

Die phantastische Geschichte von Anselm, der mit seiner Ratte in einem alten Schloss zwischen den Wänden lebt….

Die Zeit spielte für Anselm nur insofern eine Rolle, als er sie eines Tages für sich fassbar machen wollte. Nicht, dass ihm daran gelegen gewesen wäre, einen Anfangspunkt der Zeit festzulegen – zum Beispiel den Beginn seines Lebens in der Wand, um ab da in Tagen, Wochen oder Jahren das Vergangene und das möglich Künftige zu messen. Nein, denn er lebte ganz und gar im Jetzt. Doch ahnte er, dass es etwas wie Zeit geben musste, weil er hinter einer bestimmten Stelle der Holzwände die ihn umfingen, ein leises Ticken hören konnte. Dieses Geräusch war in seiner Abfolge von einer magischen Regelmäßigkeit, dass Anselm sich zum ersten Mal die Frage nach Anfang und Ende stellte.

Das Halbdunkel, das Anselm seit frühester Kindheit umgab, hatte in ihm auch kein Zeitgefühl entstehen lassen. Gängige Begriffe wie Tag und Nacht; Frühling, Sommer, Herbst und Winter spielten in seinem Leben keine Rolle. Er nahm solche Veränderungen ausschliesslich über seine Sinne wahr. Auf das Rauschen der Quelle im Untergrund folgte die Hitze, auf das Ächzen des Sturms im Gebälk, die Kälte im alten Gemäuer. Schlafen und Wachen gehörten in dieser Abfolge ebenso dazu, wie das Essen und Verdauen.

So war es wenig erstaunlich, dass Anselm sein eigenes Alter nicht kannte und seinem Sein und Werden keine Bedeutung beimass. Seit seine Mutter ihn verlassen musste, weil alle Dienstboten des Hauses weggeschickt wurden, mag die Quelle ein Dutzend Mal rauschend davon gezogen und die Hitze unter dem Dach ebenso oft gross und drückend gewesen sein.

Damals, als die Mutter ihn verliess und die Tapetentüren zugemauert und überklebt wurden, sagte sie zu ihm; „Mein kleiner Junge, du wirst gross und schön werden. Das ist alles, was ich dir geben konnte.“ Sie schaute dabei in seine Augen und strich ihm ein letztes Mal über sein glänzend schwarzes Haar.

Später hatte er einige Male das Innere der Wand über die Mansarde verlassen und war in die Äste des wilden Weins gestiegen, der das Haus umfing. Das war während der letzten Hitze gewesen. Dabei hatte er beobachtet, wie eine bezaubernd schöne Gestalt verloren am Aufgang zum Herrenhaus stand und auf Einlass wartete. Mit schmaler Hand strich sie sich immer wieder das blonde Haar glatt. Die Anmut dieses Anblicks rührte Anselm tief und legte sich in seine Seele.

Anselms Welt blieb weiterhin das Innere der Wand.

Solche Zwischenwelten besassen keine eigene Natur. Auch hatten ihre Gänge und Kavernen weder Anfang noch Ende. Ohne Selbstzweck, waren sie gefangen und eingesperrt von dem was sie umgab. Sie dienten um zu Dienen. Ihr verworrenes Labyrinth folgte exakt den Räumen, Flure, Stiegen und Winkeln des Herrenhauses. Wo wenig Platz war, waren die Gänge schmal. Enge, steile Rampen ersetzten dort die Treppen. Die Öffnungen der Tapetentüren in die Räume der Herrschaften waren niedrig gehalten, dass sie nur in gebückter Haltung durchschritten werden konnten. Längst hatte die Dienerschaft das Wesen der Wand angenommen und ihren eigenen Charakter zugunsten ihrer Herrschaft abgelegt. Durchsichtig und gebückt hasteten sie durch fensterlose, düstere Flure, stets bedacht zur Stelle zu sein und sich dann, geblendet vom Licht der Anderwelt, schnell wieder die Kapuze ihrer Nichtexistenz überzuziehen.

 

Seit Anselm sich entschieden hatte, das Haus nicht mehr zu verlassen, hielt er die Läden der Mansarde verschlossen. Dort, wo einst der Leibdiener gelebt hatte, lag jetzt seine Matratze. „Ich geh nicht mehr aus“, hatte er zu seiner Ratte gesagt. „Was ich dort sehe, macht mir grosse Angst.“

Die Ratte, welche die Dunkelheit ebenfalls schätze, frass daraufhin eine Höhle ins Stroh am Fussende von Anselms Matratze und genoss dort jede Nacht die feuchte Wärme seiner Füsse.

Anselm aber suchte immer öfter jene Stelle auf, wo er das geheimnisvolle, monotone Geräusch aus der Anderwelt vernommen hatte. (Fortsetzung)

Das broschierte Büchlein in deutscher und englischer Sprache (46 Seiten) mit 9 Illustrationen können Sie für Fr. 12.- pro Exemplar (inkl. Versand CH) bestellen bei info@werneradams.ch