Gaia und der Floh – Eine Geschichte zu Umwelt und Corona

Gaia[1] atmete schwer, hustete, krümmte sich vor Schmerz, röchelte und hustete weiter – ohne Ende.

Ihre grünen Lungen sind grau belegt. Schorf bedeckt ihre Haut. Es juckt.

Gaia betrachtete die Brandwunden an ihrem Körper. Sie sind gelb, braun, schwarz und schmerzen höllisch. Heilen die einen ab, entstehen an anderer Stelle neue, noch grössere, noch schmerzhaftere.

Gaia fühlte sich krank. Die Hitze, der Rauch, das Fieber. Alles war aus dem Gleichgewicht, sie taumelte durchs All. Würde sie ersticken, verbrennen oder auch nur an Stress und Erschöpfung sterben?

Unvorstellbar!

Angst. Dieses Wort war Gaia bis zu diesem Augenblick fremd gewesen.

Ihr Gedächtnis reicht weit zurück, sehr weit! – Nein, noch weiter.

Erinnerungen kamen hoch und flogen dahin. Gaia hängte sich an sie und drehte sich mit ihnen. Wie eh und je. Leise sangen die Winde ihre Lieblingsmelodie:

„Und ich flieg‘, flieg‘, flieg‘ wie ein Flieger
Bin so stark, stark, stark wie ein Tiger
Und so groß, groß, groß wie ’ne Giraffe, so hoch.
Heut‘ ist so ein schöner Tag, la-la-la-la-la“

 

Doch das Glücksgefühl währte nicht lange. Bald schoben sich grosse schwarze Wolken vor die Sonne und deren Tränen wuschen die giftigen Gase aus Gaias Aura und tränkten damit ihren Schoss.

Vor zweihundert Jahren geschah es. Zweihundert Jahre, ein Lidschlag der Ewigkeit.

‚Es juckt‘, war in den Achtzehnhundertzwanzigern ihr erster Eindruck. Die Menschen fingen gerade an zu graben und zu schürfen, Wälder abzuholzen; Bäche und Flüsse umzuleiten; grosse Mengen an Erz aus ihrem Leib zu reissen, um es zu Eisen zu schmelzen und damit lange Stäbe zu schmieden, die sie in ihre Haut zu trieben. Alles bewegte sich immer schneller: zu Land, auf dem Wasser und in der Luft. Genug war nie genug. Sie nannten es Ökonomie.

Wieder juckte es Gaia am ganzen Körper. Kein kühler Wind verschafft ihr Linderung; kein Wasser kann ihre Wunden reinwaschen, weil es vergiftet ist. Dicker Smog mäandert entlang der Flüsse, beissender Rauch bedeckt den Regenwald und aus der Tundra steigt Methan in die Atmosphäre.

Gaia konnte nicht mehr.

Da erinnerte sie sich an ihren Freund, den Floh. Er hatte ihr bereits in der Vergangenheit einige Male in schwierigen Situationen geraten. Lange hatte sie seine Dienste nicht mehr beansprucht. Dabei ist er es, der alles weiss, was auf der Erde vor sich geht, hat er doch zu Tieren, Pflanzen und Menschen gleichermassen Zugang und saugt von ihnen das kollektive Wissen laufend in sich auf. Einigen Politikern wird er auch absichtlich ins Ohr gesetzt, um dort das Denken auszuschalten.

 

Gaia rief den Floh zu sich und fragte ihn um seine Meinung. Der Floh erbat sich dazu zwölf Tage Zeit. Er wolle bei den Erdbewohnern gezielt sondieren, und wenn Gaia es gestatte, werde er einige Zeitzeugen als Berater mitbringen. Er habe da bereits gewisse Vorstellungen.

Gaia war damit einverstanden, schätzte sie doch die Meinung des Flohs sehr; nur seine Sprunghaftigkeit machte ihr manchmal etwas zu schaffen.

Pünktlich zum Ablauf der erbetenen Frist stand der Floh vor Gaia. In seinem Schlepptau vier Damen: die Pest, die Cholera, die Pocken und die Grippe.

„Olé“, begrüsste die Grippe Gaia beschwingt und klapperte mit ihren Kastagnetten.

„Oje“, würgte Gaia knapp hervor, sorgfältig bedacht, einen neuerlichen Hustenanfall zu vermeiden. „1918, ich erinnere mich. Du hattest damals die falschen erwischt.“

Düpiert schob sich die Pest an der Grippe vorbei, aufgebracht ihre Rassel drehend. Sie glaubt, nach dem Prinzip der Anciennität stünde ihr eine privilegierte Stellung zu und stellte sich deshalb zuvorderst in die Kolonne. Wütend hüpfte der Floh hin und her, hatte er doch einmal eine intime Beziehung zur Pest gehabt, die aber ungut endete.

„Ja, ich weiss. Krim 1342. Eine Sauerei epischen Ausmasses hattest Du in der Folge angerichtet“, seufzte Gaia. Sie sah immer schwarz, wenn sie die Pest erblickte. Wirklich harmonisch war deren Verhältnis wohl zu niemandem.

Die Pocken hielt sich diskret im Hintergrund. Als der Floh sie aufforderte, sich ebenfalls vorzustellen, zischte sie: „Ich stinke. Gibt es denn hier keine Dusche? Und im Übrigen schätze ich es, wenn man mich ‚Variola‘ nennt.“. Mit einem kleinen Knicks gab sie gleichzeitig zu erkennen, dass auch sie Gaia die Einladung verdankte.

„Diese dumme Kuh“, warf die Cholera spontan ein. „Ausgestorben ist sie, und zwar seit 1979! Als Kuhpocken vegetiert sie noch in einigen Labors, aber Eindruck, Eindruck macht sie auf niemanden mehr. Auf mich schon gar nicht.“ Und zur Pest gewandt fügte sie leise an: „Für mich ist ohnehin alles Scheisse – hintenraus und Ende.“ Gaia hatte dies nicht mehr gehört, denn die strengen Gerüche von Flohs Begleiterinnen hatte sie niesen gemacht.

„Gesundheit, Gesundheit, meine Liebe. Aber gerade der Gesundheit wegen sind wir ja hier“, bemerkte der Floh. „Übrigens möchte ich noch den Typhus entschuldigen. Er sagte, er hätte unten in Afrika dringend zu tun.“

„Schon gut, schon gut“, meinte Gaia versöhnlich. „So heisse ich Euch denn alle herzlich willkommen. Es ist die Arglist der Zeit, die uns zusammenführt und von Euch will ich hören, was die Tiere und Pflanzen dazu zu sagen haben. Nicht, dass ich die Menschen nicht mag, aber irgendwie sind sie mir immer noch fremd. Mag sein, dass ich es in der kurzen Zeit, in der sie unter uns weilen, nicht geschafft habe, sie zu verstehen.

„Kurz? Viel zu lange, meine ich! Sie dominieren alles und jedes. Eine gefrässigere Spezies ist mir noch nie untergekommen. Weg damit!“, zischte die Pest.

„He, he. Bleib schön auf dem Boden. Da leitet Dich doch Dein nicht abgeheilter Minderwertigkeitskomplex, weil Du es seinerzeit nicht geschafft hast sie auszurotten“, wies sie der Floh in die Schranken. „Im Übrigen wollen wir die Sache wertneutral angehen, so jedenfalls lautet Gaia’s Auftrag.“

Gaia nickte.

„Ja, meine Damen, und bitte bewahren Sie Contenance. Es geht um die Sache, da müssen persönliche Empfindungen hintanstehen.“

„Ich bitte um Entschuldigung“, hauchte die Pest. „Ich bin dünnhäutig geworden, bin zu oft allein und habe wenig Freunde wegen meines schlechten Rufs. Tut mir leid.“

„Ach lass doch“, nahm die Cholera nochmals den Faden auf. „Ich lebe nach dem Motto ‚und ist der Ruf mal ruiniert, so lebt es sich ganz ungeniert‘. Hauptsache wir mögen einander.“ Und mit einem Seitenblick zur Variola schloss sie mit „nicht wahr meine Liebe?“

Der Floh sprang indes nochmals von einer seiner Begleiterinnen zur andern, hüpfte hin und her – was er immer tut, wenn er sich konzentrieren muss – und liess sich dann vor Gaia nieder.

„Wir sind uns also einig, dass es um den Menschen geht, der sich selbst ‚Homo sapiens‘ nennt, was eine Anmassung ohne gleichen ist, sich selbst als ‚vernünftig‘ zu bezeichnen. Über ihn wollen wir sprechen, sachlich und mit Respekt – wie es sich gehört – aber auch kritisch, weil Gaia immer mehr Mühe mit ihm bekundet und unter seinen Aktivitäten existentiell leidet. Gefrässig hast Du ihn genannt, liebe Pest, und obwohl das, bitte verzeihe, aus niederen Motiven geschah, trifft es den Nagel auf den Kopf. Das bestätigten mir auch die Tiere und die Pflanzen, und sie nannten mir gar nahe Verwandte, die seiner Gefrässigkeit direkt oder indirekt zum Opfer gefallen sind und nicht mehr existieren. Der Auerochse, der Beutelwolf…“

„und der ‚Berg-Affengesichtflughund‘“ ergänzte Variola schnell.

„So ist es, und viele mehr. Durch die Monokulturen der ‚Vernünftigen‘ wurden auch viele Pflanzen verdrängt oder in ihren Erbinformationen verändert.

Interessant ist nun aber, dass der Mensch dies überhaupt nicht bestreitet und Besserung in seinem Verhalten verspricht, allein es scheint ihm das entsprechende Gen zu fehlen, seine guten Absichten in konkrete Taten umzusetzen.“ Hier endete der Floh fürs Erste und schaute gespannt zu Gaia auf.

 

„In der Tat. Du stellst Deine Schlüsse gleich an den Anfang, aber mich nähme doch noch Wunder, wie es dazu gekommen ist. War diese ungute Entwicklung denn nicht vorauszusehen? Was meinen die Pflanzen und die Tiere dazu?“

Der Floh warf sich erneut in Positur und schaute wieder zu Gaia hoch, dann, mit einem milden Anflug von Überheblichkeit, in die Runde seiner Begleiterinnen. Sein Blick verfing sich dabei mit jenem der Pest und sogleich verspürte er einen Riesenappetit auf Ratte. Sein Magen knurrte und er fletschte die Beisswerkzeuge. Dann aber besann er sich der grossen Verantwortung, die ihm übertragen war.

 

„Die Aufgabe, die Du mir gestellt hast, Gaia, war so umfassend, dass ich sie allein nicht bewältigen konnte. Ich habe deshalb meine Cousins, den Sandfloh und den Wasserfloh gebeten, mich in ihren Bereichen zu unterstützen.“

„Wir haben früher oft miteinander gespielt, der Wasserfloh und ich“, sinnierte wehmütig die Cholera.

„Item“, fuhr der Floh fort. „Fest steht – und dies haben mir alle, die Tiere wie die Pflanzen, bezeugt – war der ‚erste Homo sapiens Outbreak‘ in Afrika. Die Ausbreitung beschränkte sich lange Zeit auf eine Savanne in Ostafrika. Weshalb dieser Cluster unentdeckt blieb, konnte mir niemand sagen. Ungestört konnten sich die Menschen dort vermehren, bis es ihnen zu eng wurde und sie ausbrachen. ‚Out of Africa‘ nannten sie das Unternehmen und Homo sapiens verbreitete sich über die ganze Welt. Er infizierte alle Kontinente und begann Steine zu klopfen.“

„Hä?“, japste die Grippe irritiert. „auf Vorrat?“. Sie kannte bloss die Millionen von Grabsteinen ihrer Opfer aus den Jahren 1918 und 1919 und konnte sich keinen Reim auf Flohs Aussage machen.

„Während tausenden von Jahren klopften sie Steine“, setzte der Floh seine Analyse unbeirrt fort, „schichteten sie auf zu Pyramiden, Steinkreisen, riesigen Mauern, Türmen und Altären. Nichts hielt sie auf, so besessen waren sie vom Gedanken, den Steinen strenge Masse und Formen aufzuzwingen. Doch wer glaubt, dass Steine klopfen blöd und stumpfsinnig mache irrt, denn diese Arbeit ist geeignet, den Gedanken nachzuhängen und …. schwupp, schon war das Rad erfunden.

Ich erwähne dies, weil damit der Radius der vom Menschen infizierten Cluster enorm vergrössert wurde.“

„Die Pyramiden gefallen mir aber sehr gut“, bemerkte Gaia anerkennend, „und auch gegen Altäre habe ich nichts einzuwenden. Sie fühlen sich an wie kleine Piercings auf meiner Haut.“

Der Floh schmunzelte. Irgendwie schaffen es die Menschen immer, andere in die Tasche zu stecken, dachte er, sagte es aber natürlich nicht laut.

„Ja, sie nennen es Kunst“, antwortete er. „Apropos Altar. Auch da geben uns die Menschen Rätsel auf. Niemand den ich befragt habe weiss, ob sie zuerst Gott oder den Altar erfunden haben. Kann sein, dass beim Steine klopfen ein Klotz übrigblieb und man keine Verwendung dafür hatte. – Nur so ein Gedanke, den ich gar nicht weiterzuspinnen wage.

Die Lämmer übrigens, wussten nichts Gutes über die Altäre zu berichten.“

„Du schweifst ab, Floh“, mahnte Gaia. „Von einem Thema springst Du zum andern. Wo waren wir stehen geblieben?“

„Dass der Homo sapiens sich immer mehr ausbreitete und ob die Götter oder die Altäre zuerst da waren“, meldete sich altklug Variola, sich ihrer unbedeutenden Rolle immer mehr bewusst werdend.

„Richtig! Jetzt erinnere ich mich wieder“, freute sich Gaia. „Damals waren die Menschen allen lästig geworden und sie passten überhaupt nicht in ihre Umgebung. Also liess ich eine Sintflut kommen, um sie auszulöschen. Aber eine ihrer Gottheiten war ein Verräter. Er warnte sie, sodass Noah noch rechtzeitig eine Arche bauen konnte und ihre Gene überlebten.“

„Gottheiten! Dass ich nicht lache“, krächzte Cholera, „als Atheistin nehme ich eher an, dass Du es selbst warst, Gaia. Aus Mitleid wohl oder vielleicht, weil sie so schön singen und tanzen können. Und jetzt, wo es Dir selbst an den Kragen geht, verdrängst Du das.“

Der Floh gebot Cholera sofort zu schweigen, während Gaia konsterniert ins All blickte.

„Ich möchte das nicht gehört haben, Choly“, nahm der Floh wieder das Wort, um gleich festzustellen, dass er nicht mehr wusste, wo er stehengeblieben war.

„Ausbreitete. Kontinente“, half die Pest nach.

„Stimmt. Bitte verzeiht. Also, dies wollte ich nämlich schon lange anmerken. Die Homo sapiens DNA mutiert ständig. Deshalb ist die Spezies sehr anpassungsfähig. Ob in der Arktis oder der Wüste, im Gebirge oder den weiten Ebenen, überall ist der Mensch anzutreffen. Von einzelnen Outbreaks oder in Clustern isolierten Individuen kann gar nicht mehr die Rede sein. Sein Auftreten ist pandemisch!“

 

„Aber nochmals, Floh“, schaltete sich Gaia wieder ein, „wie ist es so weit gekommen? Nach der Sintflut waren es doch nur noch zwei!“

„Sie erfanden den Ackerbau und die Arbeitsteilung“, antwortete der Floh. „Damit schufen sie Nahrung im Überfluss und vermehrten sich prächtig. Mit der Domestizierung von Rindern, Schafen, Ziegen und Schweinen kamen sie an die nötigen Proteine für die Entwicklung ihres Gehirns, was nun allem ein noch grösseres Tempo verlieh.“

„Porschefahrer!“, warf die Grippe blitzschnell ein.

„Idiotin! Gerade da eben nicht. Im Strassenverkehr verhält sich die Geschwindigkeit umgekehrt proportional zur Intelligenz, wenn Du überhaupt weisst, was ich meine“, entgegnete ihr Variola.

„Meine Damen! Wie oft muss ich es noch sagen, Persönliches gehört nicht hierher. Was der Floh uns berichtet, ist zwar nicht neu, aber er fasst treffend zusammen und das bringt uns nun an den Punkt, wo entschieden werden kann.“ Gaia gab dem Floh das Zeichen fortzufahren.

 

„So ist es“, sagte dieser und lächelte den Damen zu. „Denn mit der Sesshaftwerdung des Homo sapiens, bekamen wir ein erstes Druckmittel gegen ihn in die Hand. Euch, meine lieben Seuchen.“ Gespannt waren nun alle Augen auf den Floh gerichtet.

„Das enge Zusammenleben von Mensch und Tier begünstigte nun seinerseits Eure Ausbreitung, was die Pest im Mittelalter eindrücklich bewies.“ Der Floh fletsche seine Beisswerkzeuge.

Gaia errötete. „Ich habe mich nur gewehrt, damals. Und es traf auch nicht alle Kontingente gleichermassen“, entschuldigte sie sich. „Es waren derer einfach zu viele.“

„Das hat Entspannung gebracht für hundert Jahre“, lobte der Floh. „Das Rezept hatte sich bewährt. Die Ausbrüche gingen zurück, die Hotspots reduzierten sich, eine neue Normalität entstand. Kriege – Seuchen – Kriege wechselten kontinuierlich ab; so wirkten wir alle zusammen und die Natur gedieh paradiesisch. Wenn sie übertrieben, schicktest Du eine kleine Eiszeit, Gaia, und der Hunger stellte wieder das Gleichgewicht her.“

„Diese Waffe ist stumpf geworden“, jammerte Gaia, „wo soll ich denn all dieses Eis hernehmen?“

„In der Tat, sie haben uns ausgetrickst“, bestätige der Floh und Variola nickte zustimmend.

„Wir sitzen alle im selben Boot“, jammerte sie, „den ganzen Tag sehe nur die Innenseite der Tiefkühlbehälter im Labor.“

„Im selben Boot mit den ‚Vernünftigen‘? Das sehe ich nun gar nicht so“, erregte sich die Grippe und schrie ‚Olé‘. „Oder wie siehst Du das, Floh?“

Wild hüpfte dieser von einer Seite zur anderen, überschlug sich mehrmals und landete im Irgendwo. Er schien vollends die Fassung über dieser Frage verloren zu haben.

„Machen wir eine kurze Pause“, schlug Gaia vor, „wir haben es verdient.“ Sie wollte unter vier Augen mit dem Floh sprechen, denn die Analyse schien nun eine Richtung zu nehmen, die dieser selbst nicht erwartet hatte. Als beide endlich zurück zu den Seuchen kamen, hatte Floh sich wieder gefasst.

 

„Bitte entschuldigt meine kleine Unpässlichkeit. Aber die Bemerkung von Variola, wir sässen alle im selben Boot und meine Vermutung, dem Sapiens fehle das einschlägige Gen, gute Absichten in konkrete Taten umzusetzen, liess mich im Innersten erzittern. Denn…“

„Ach Floh, wenn ich nicht so stinken würde, ich täte Dich gleich umarmen!“, schmachtete Variola, so dass es alle hören konnten.

„… denn, gesetzt den Fall, dieses Gen wäre absichtlich bei den Menschen nicht angelegt, wären sie Euresgleichen – eine Seuche; in die Welt gesetzt, diese à la longue zu vernichten. Deshalb nützten auch Eure ganzen Anstrengungen nichts, alle Kriege und die Hitlers und Stalins schafften es nicht, sie auszuschalten.

Keine schönen Aussichten, liebe Gaia, wenn man das konsequent zu Ende denkt.“

Gaia erschrak und erblasste. Sie bedeckte ihr Gesicht mit Schwaden grauen Nebels und ihr Mantel bebte.

„In den Hotspots der Menschen wird indes weiter am Untergang gearbeitet. Niemand hat noch den Überblick und alle fürchten sich, gegenüber den andern ins Hintertreffen zu geraten. Die Spirale dreht sich immer schneller, weil in den Kathedralen und Tempeln, die nun ‚Think Tanks‘ heissen, laufend neue Glaubensgrundsätze gepredigt werden, um die zuvor gepriesenen vergessen zu machen, weil diese nicht taugten“, beendete der Floh seine Analyse.

„Nicht sehr erheiternd, Deine Analyse, um nicht zu sagen fatalistisch“, frotzelte die Cholera und niemand wagte eine Einrede. „Unseresgleichen! Das wird immer heiterer.“

„Eine Hypothese, sagte ich. Doch je länger ich mir das überlege, desto mehr scheint alles zu passen. Der Homo sapiens ist einmalig unter allen Geschöpfen auf der Erde. Und er ist dabei sie sich Untertan zu machen, um schlussendlich mit ihr unterzugehen…“

„Und das zur Musik von Richard Wagener“, fügte wichtigtuerisch die Cholera an.

Der Floh konnte sich das Lachen nicht verkneifen, ergriff dann abermals das Wort.

„Ein schlechter Floh wäre ich und…“, zu Gaia gewandt, „Dir ein noch schlechterer Berater, hätte ich nicht noch einen Trumpf im Ärmel.“

Gaia horchte auf und liess Winde die Nebel lüften. Auch sie schien nachgedacht zu haben und schaute wieder etwas zuversichtlicher ins All.

„Ich habe einen weiteren Berater einfliegen lassen. Ein Consultant, der nicht nur redet, sondern auch gleich umsetzt. Ein kompromissloser Macher.“

 

Im gleichen Augenblick, als der Floh dies sagte, landete am Ast eines abgestorbenen Baumes eine Fledermaus und hängte sich kopfüber in die Runde.

„Guten Tag allerseits“, zwitscherte sie. „Ich trage die Lösung Eures Problems bei mir – in mir, genau gesagt. Es heisst ‚Corona‘ und ist absolut tödlich. Es ist schnell und der Homo sapiens wird es nicht überleben, ja er wird noch nicht einmal dazu kommen, seine Toten zu begraben. Und das Nützlichste an ‚Corona‘, ist, der Sapiens wird diesen Totmacher selbst verbreiten. Das macht es so unglaublich effizient.“

Ein Raunen ging durch die Gruppe. Die Pest dachte an ihre aufwändige Arbeit, die dann doch zu nichts geführt hatte und Variola an den Gestank, der sie dabei immer begleitete.

Einzig die Grippe blähte sich auf und schwärmte „Sie ist mit mir verwandt, Olé, Corona ist mit mir verwandt!“

Als alle ihre Meinung geäussert hatten, rückten sie näher an Gaia, um ihren Urteilsspruch über den Homo sapiens zu vernehmen.

 

„Wenn ich meine Augen schliesse“, begann Gaia mit fester Stimme, „höre ich der Menschen Melodien in den Winden, fühle ihre Pyramiden als kleine Kunstwerke auf meiner Haut und sehe ihre Städte und Gärten als Bilder, schön arrangiert und gepflegt. Dies alles wäre nicht mehr, für immer verloren die Schönheit, wenn wir sie auslöschten.

Denn sie sind einzigartig, die Menschen – im Guten, wie im Schlechten. Kein anderes Wesen erschafft wie sie so anrührende Werke wie Musik, Poesie, die Malerei und die Bildhauerei.

So lasst uns denn eine mildere Form dieser neuen Krankheit finden, damit sie in sich gehen und an Erkenntnis gewinnen.

Denn allein in ihrer Kunst liegt die Begründung menschlichen Daseins.

 

© Werner Adams, Wichtrach/Switzerland
Herbst 2020

[1] In der griechischen Mythologie: Erdgöttin