Kleine Texte

In manchem Palast oder Herrenhaus gab es früher zwischen den Wänden Gänge und Treppen, die es der Dienerschaft erlaubten, ihrer Herrschaft ungesehen zu folgen, um sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort bedienen zu können. Ihre Existenz hinter Wänden und Tapetentüren ersparte den Herrschaften den unnötigen Anblick gesellschaftlicher Inexistenz.

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Anselm, die Ratte und der junge Herr

Die Zeit spielte für Anselm nur insofern eine Rolle, als er sie eines Tages für sich fassbar machen wollte. Nicht, dass ihm daran gelegen gewesen wäre, einen Anfangspunkt der Zeit festzulegen – zum Beispiel den Beginn seines Lebens in der Wand, um ab da in Tagen, Wochen oder Jahren das Vergangene und das möglich Künftige zu messen. Nein, denn er lebte ganz und gar im Jetzt. Doch ahnte er, dass es etwas wie Zeit geben musste, weil er hinter einer bestimmten Stelle der Holzwände die ihn umfingen, ein leises Ticken hören konnte. Dieses Geräusch war in seiner Abfolge von einer magischen Regelmäßigkeit, dass Anselm sich zum ersten Mal die Frage nach Anfang und Ende stellte.

Das Halbdunkel, das Anselm seit frühester Kindheit umgab, hatte in ihm auch kein Zeitgefühl entstehen lassen. Gängige Begriffe wie Tag und Nacht; Frühling, Sommer, Herbst und Winter spielten in seinem Leben keine Rolle. Er nahm solche Veränderungen ausschliesslich über seine Sinne wahr. Auf das Rauschen der Quelle im Untergrund folgte die Hitze, auf das Ächzen des Sturms im Gebälk, die Kälte im alten Gemäuer. Schlafen und Wachen gehörten in dieser Abfolge ebenso dazu, wie das Essen und Verdauen.

Fortsetzung folgt…